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Ich habe Lymphdrüsenkrebs

 

Jürgen Oeder:

Manche von Euch sind irritiert, weil sie über andere von meiner Krankheit erfahren haben. Ich habe über meinen Krankenhausaufenthalt in Facebook geschrieben und möchte Euch das hier nicht vorenthalten:

Erster Tag: Kämpfen? – Bald!

Eigentlich habe mich schon darauf gefreut, Euch im März von meinen Abenteuern beim Schwertfischangeln in Neuseeland berichten zu können. Ein dort vor einigen Wochen gefangener Fisch wog 400 kg und der Fight dauerte 17 Stunden. Doch nun muss ich einen sehr viel größeren Kampf ausfechten. Mein neues Zuhause für die nächsten Tage heißt „hämatologisch-onkologische Abteilung“ im Klinikum Karlsruhe. Der Grund sind ganze Rosenkränze von dicken Lymphknoten in meinem Körper. Zunehmende Kurzatmigkeit trotz Muckibude für den großen Drill hatte mich zum Arzt und in die Röhre gebracht. Der Befund des Radiologen: „Multiple pathologische Lymphknoten“, ein „Knotenkonglomerat mit 7,7 x 6,4 cm „ummauert“ die rechte Lungenarterie. Verdacht auf Non-Hodgkin-Lymphom (NHL), also Lymphdrüsenkrebs oder Chronisch lymphatische Leukämie (CLL).
Die vergangenen vier Tage stöberte ich im Internet nach Diagnose und Therapie. Das macht aber nur verrückt: Es gibt Dutzende verschiedene Unterarten. Hochaggressive, die gut zu behandeln sind und weniger aggressive, „indolente“, die einen umbringen.
Nun ging alles sehr schnell. Ich bekam nach kleinen Kämpfen einen Platz in der besten Klinik der Region, unter Professor Martin Bentz, der im „Focus“ als einer der besten seines Faches gelistet ist. Und sehr gut aufgehoben fühlte ich mich bei Oberärztin Susanne Euler, die mich zunächst in Empfang nahm. Ich habe mich von ihrer positiven Art anstecken lassen. „Ich habe schon Schlimmeres gesehen“, sagte sie zu den CT-Bildern und „Bei Lymphdrüsenkrebs greift man so richtig in die Sch… , aber das ist gut behandelbar“. Frau Euler sagt mir, dass ich auf einer anderen Station zu liegen komme und dort die Oberärztin Sibylle Wilhelm für mich zuständig sein wird. Ein Medizinstudent, der mir Herz und Lungen abhört, erklärt mir, dass die sympathische Frau Euler für die Palliativstation zuständig ist. Sterbebegleitung also. Da will ich doch noch nicht hin.
Ich bekomme einen Bündel Papiere zum Lesen und Ausfüllen. Darunter Infos zum „Onko-Walking“ und ein Antrag auf psychoonkologische Betreuung, falls mich meine „Krebserkrankung seelisch und psychisch belastet“. Ich lasse ihn unausgefüllt und habe ihn beiseitegelegt. Es folgen Blutentnahme, EKG, Lungenfunktionstest. Die Maschinerie hat mich nun im Griff. Gleichwohl ist es ein gutes Gefühl. Die Ungewissheit wird ein Ende haben. - Draußen scheint nach tagelangem Schmuddelwetter.
Zweiter Tag: Laufen mit dem Läufer
Der Tag heute war bestimmt von verschiedenen Voruntersuchen, für die mich „Läufer“ in Katakomben und langen Gängen durch das Klinikgelände unter anderem zur Anästhesie führten und zur HNO. Ohne diese Läufer geht nichts: 26 Abteilungen gibt es hier, 600 Ärzte, 62.000 Patienten im Jahr und rund 4000 Voll- und Teilzeitkräfte. Einer von ihnen ist Felix. Der Zufall wollte es, dass mich der 18-Jährige heute drei Mal auf den richtigen Weg brachte. Felix macht dies im Rahmen eines freiwilligen sozialen Jahres (FSJ). Die Belohnung dafür ist dann das Fachabitur, trotz Abgang nach der elften Klasse, erklärte er mir. Sein Abi ist hart verdient: 15 km spult Felix an normalen Tagen zwischen den Häusern und Abteilungen ab, an harten Tagen, wenn Kollegen fehlen, können es bis zu 30 km sein.
Morgen soll – wenn nichts dazwischen kommt - ein Lymphknoten am Hals entnommen werden, 31 mm lang, um Aufschluss über den Feind in mir zu geben. Der Knoten liegt direkt unter der Haut, doch das Herauspräparieren ist offenbar mehr als nur ein Pickel auszudrücken. 45 Minute dauert der Eingriff, solange wie heute das Gespräch dazu mit dem Anästhesisten. Das Problem: Knoten drücken im Rachen auf die Atemwege, das Intubieren wird bissel kritisch und alles nur in Vollnarkose geschehen. Zuvor soll mir am Vormittag Knochenmark aus dem Beckenkamm entnommen werden. Dann wird sich zeigen, ob Krebszellen schon bis dorthin vorgedrungen sind. Das wäre schlecht. Die endgültige Diagnose wird wohl erst nächste Woche kommen.
Dritter Tag: All inclusive!

Gestern, Mittwoch, war mein dritter Tag, ich war aber abends zu müde zum Schreiben. Deshalb hier der Nachtrag. Die Überschrift „All inclusive“ habe ich vom Wirt einer Gaststätte gegenüber der Klinik. Eine kleine Flucht hatte mich dort hingebracht: „All inclusive!“, sagt er Wirt lachend, als er mein weißes Plastikarmband mit Barcode am Handgelenk sah. Alle Patienten haben so eines und werden daran gescannt. „Ja, all inclusive, aber nicht mit Schweinebraten, Semmelknödel und ein Pils dazu“, war meine Antwort und Bestellung. Damit war das Armband in meinen Fokus gerückt. Gestern bekam ich vor meiner OP ein zweites, rotes, angelegt. Neben meinem Namen stand da noch „ONK“ für Onkologie und die Telefonnummer meiner Frau. - Falls was ist.
Die Entnahme des Lymphknotens kostet mich nun einen Kuchen extra. Ich hatte um ein Foto mit meinem Handy von der OP gebeten. „Nur gegen Kuchen“, witzelte ein Pfleger. „Deal!“, sagte ich und um sicher zu gehen, dass das Bild nicht vergessen wir, hatte ich mich für eine Lokalanästhesie und gegen eine Vollnarkose entschieden. Nach gemeinsamer Beratschlagung während der OP zum Licht und Blitz mit mir und dem durchaus lockeren Team kamen dann perfekte Fotos zustande.
Im Aufwachraum, in den ich - ohne Narkose -hellwach kam, hatte ich dann ein ungekanntes akustisches Erlebnis. Aus den Überwachungsmonitoren von drei weiteren Patienten und meinem, kamen Töne, die an elektronisch generierte Wassertropfen erinnerten. Die unterschiedlichen Tonhöhen und Frequenzen machte daraus eine fast schon hypnotische Symphonie, die mich an die Minimalmusik der 1970er Jahre von Steve Reich erinnerte.
Zurück auf der Station sah ich dann zwei All inclusives vor unserer Stationsärztin Frau Dr. Thill stehen. Sie bekommt Anfang Mai ein Kind und zeigt schon diese besondere Schönheit, die Hochschwangeren eigen ist. Der Kontrast zwischen ihr und den ausgemergelten Körpern war frappierend. „Werden und Vergehen, all inklusive - wie im richtigen Leben“, dachte ich.

Vierter Tag: „Pulvus et umbra sumis“
Die Nacht war lang. Mein Bettnachbar mit einem vermutlich wiedererwachenden Lungenkrebs leidet an Atemnot. Um drei Uhr saß er auf der Bettkante und hustete Schleim. Volle Festbeleuchtung. Die Dunkelheit fürchtet er. Wir haben uns dann unterhalten. Er bekam gestern einen Port für die Chemo, ist 84 Jahre alt und Ex-Rauer. „Marlboro und so“, sagt er. Als er dann gegen 4.30 Uhr in einen Dämmerschlaf sinkt, bin ich hellwach. Ich traue mich nicht, das Licht auszumachen. Das Motto von gestern Abend - Werden und Vergehen - kehrte dann, passend zum Morgenrot, zurück. Meine Stationsschwester trägt ein Tattoo auf der Innenseite des Unterarms, den ich beim Blutdruckmessen entdecke. Es ist der lateinische Spruch: „Pulvus et umbra sumis“. Übersetzt leutet er: „Staub und Schatten sind wir“. - Respekt. Schwester Olga ist 21 Jahre alt.
Mittags überbringt mir die Stationsärztin dann eine schlechte Nachricht: Im Knochenmark wurden unterm Mikroskop bösartige Lymphozyten entdeckt. Ich habe ein bereits fortgeschrittenes „malignes Lymphom“ in mir. Wie der unerwünschte Wechselbalg genau heißt und welche Therapiemöglichkeiten es dann gibt, das werde ich in einer Woche erfahren. Noch sitze ich hier mit einer Venenverweilkanüle (ein neues Wort gelernt) im Handrücken und warte auf eine CT. Eines der beiden Geräte in der Klinik ist kaputt und die Warteschlange lang. Morgen vielleicht. Dann darf ich heim. Übers Wochenende.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
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